Stille Bylle – Der erste Morgen Textland ist beackert! :)

(die Beiträge mit den Teilen der Erzählung stille Bylle enthalten immer so viel Text, wie ich an einem Morgen schaffe. Obwohl der Morgen in der Landwirtschaft inzwischen eine feste Maßeinheit ist, schafften die Bauern zumindest früher nicht immer gleich viel. und so wird es auch mit dem textland sein.)

„Wer dem Tod eines Altersgenossen begegnet, begegnet immer auch seinem eigenen Tod!“, dachte Gesken Paulsen. Sie wandte den Kopf langsam nach links und von der Toten ab. Doch der Gedanke, der ihr über den Tot in den Sinn gekommen war, änderte durch die Bewegung seine Richtung nicht und führte sie nicht an den Punkt, wo die Quelle, von der dieser Gedanke über den Tot stammte, gespeichert war. Gesken registrierte, dass ihr Gedächtnis sie ausnahmsweise im Stich ließ. Aber anstatt sich darüber zu ärgern, schloss sie kurz die Augen, um sich zu sammeln, öffnete sie dann wieder und betrachtete das Zimmer, in dem die Tote gefunden worden war.

„Eine verdächtig ruhige Szene, eine verdammt ruhige Szene!“, dachte Gesken. Aber irgendetwas verhinderte, dass sie diese „verdammt ruhige Szene“ genau erfassen konnte.

Dass die Tote genauso alt war wie Gesken Paulsen und einige andere Fakten hatte ihr Heiko Wissmann mitgeteilt, noch bevor sie in den ersten Stock der Pension gegangen war, um die Tote zu sehen. Als Gesken den Eingangsbereich des Viermasters betreten hatte, hatte sie Wissmann beobachtet, wie er wie ein Gockel auf und abstolzierte, um derjenige zu sein, der der Chefin die bereits bekannten Fakten präsentierte. Obwohl er begierig seine Informationen an sie loswerden wollte und auf sie wartete, hatte er sie zunächst nicht bemerkt. „Moin, Wissmann!“, hatte sie gesagt. Er stolzierte auf sie zu, plusterte sich noch mehr auf und sah seiner Chefin mit herablassendem Blick an, obwohl er zu ihr aufsehen musste. Denn er war fast 20 Zentimeter kleiner als sie. „Welche Fakten sind schon bekannt?“ Wissmann ärgerte sich, weil er wusste, dass sie bei jedem anderen Kollegen, „Was wissen wir schon?“, gefragt hätte. Doch er schaffte es großspurig da zu stehen und Zu verkünden: „Weibliche Leiche, 51 Jahre alt, ist mit einer Blindengruppe hier, die an diesem Wochenende hier ihren 45jährigen Einschulungstag feiern wollten. Die sind wohl hier, weil sie hier auch mal im Schullandheim gewesen sind. Sie ist Musikerin und Musikprofessorin in Düsseldorf, schreibt und übersetzt auch und das alles inzwischen sehr erfolgreich. Ihr Name ist, ähm, Sibylle, ähm, Sibylle, ach ja, Sibylle Leuchteblau, arbeitet aber unter einem Pseudonym. Das hab ich vergessen ist aber nicht wirklich wichtig! Sie wurde vermutlich vergiftet, vielleicht auch Selbstmord, wahrscheinlich Zyankali. Sie wurde tot in ihrem Zimmer gefunden!“

„Wie sind die Leute auf den Todesfall aufmerksam geworden?“

„Die hatte einen Köter, so ein Vieh, das sie geführt hat. Der hat irgendwie gepeilt, dass was nicht stimmt, hat gebellt, die Zimmertür aufgemacht, ist zu den Wirtsleuten gerannt, die noch beim Aufräumen waren. Und die haben sie dann gefunden.“

Als sie den Flur im ersten Stock betreten hatte, war Gesken sofort die ruhige und gefasste Stimmung aufgefallen, di von überall her auf sie zugekommen war. „Gute Arbeit, Winkler!“, hatte sie gedacht. „Moin, zusammen!“, hatte sie mit ihrer tiefen leicht rauen Stimme laut und deutlich gegrüßt, dass auch die Gäste, deren Zimmertüren alle offen gestanden hatten, sie hatten hören können Sollten sie doch neugierig sein, wie sie wollten. Solange ihr niemand im Weg war oder ihr die Ohren voll quatschte, war alles gut.

„Warum sind Sie eigentlich so spät gekommen, Chefin?“, hatte Wissmann gefragt. Das Wort Chefin hatte er ihr förmlich vor die Füße gespuckt. Er war wütend auf sich selbst gewesen, da ihm der Tonfall, der eine eindeutigzweideutige Anspielung in die Frage gelegt hätte, nicht gelungen war. „Meine ältere Tochter hatte nach mehr einem Jahr einen ihrer plötzlichen Anfälle von Muttersehnsucht. Da musste ich doch hin!“ Gesken hatte dann heftig den Kopf geschüttelt und damit die Gedanken an den Nobelfraß, die teuren Weine, das gezierte Imponiergebell der Mutter ihres Schwiegersohns und den lamorianten Fastmonolog ihrer Tochter Rikarda, den sie sich hatte nach dem Essen anhören müssen, abzuschütteln. Dann hatte sie Sibylle Leuchteblau sorgfältig und ruhig betrachtet und festgestellt, dass sie nicht nur im selben Alter gewesen war, sondern auch genauso groß gewesen war wie Gesken selbst. „Bohnenstange, Storch im Salat, Kleiderständer, um nur die netteren Sachen zu sagen!“, hatte Gesken mit leicht bitterem Unterton in der Stimme gemurmelt.

„Schön, dass Sie solidarisch sind! Aber, was denken Sie über den Todesfall? Finden Sie nicht auch, dass das auch ein Selbstmord sein könnte?“ „Nein, das finde ich ganz und gar nicht. Das sieht aus als ob es sich eine Frau mit einem Schlumertrunk und einem Buch zum Abschluss eines Tages im Bett gemütlich machen wollte!“ „Dafür spricht auch, dass wir im Bad ihre Glasaugen in der Reinigungsflüssigkeit gefunden haben!“, hatte Richards eingewendet. Er war erst seit zwei Monaten bei der Mordkommission. Und noch bevor Wissmann, gekränkt darüber, dass ein noch jüngerer Beamter als er selbst einer war, überhaupt etwas gesagt hatte, hatte der Gerichtsmediziner und enge Vertraute von Gesken, Dr. Jan Wilhelmsen, hinzugefügt: „Die Auffindesituation lässt einen Selbstmord sehr, sehr unwahrscheinlich erscheinen. – Nur ein größerer Schluck war nötig, um sie zu töten. Die Dosis muss also ziemlich hoch gewesen sein. Sie hatte einen längeren Todeskampf, hat sich übergeben müssen. Also war das Kaliumcyanid nicht mit einer Säurelösung versetzt, wie man es bei einem Selbstmord typischerweise macht, um den Todeskampf zu verkürzen. – Wie dem auch sei! Die Autopsie wird genaue Einzelheiten ergeben.“ „Und die Befassung mit dem Leben des Opfers auch!“, hatte Gesken gesagt. Und dann war ihr noch einmal der Gedanke in den Sinn gekommen: „Wer dem Tot eines Altersgenossen begegnet, begegnet immer auch seinem eigenen Tod!“ Diesmal hatte Gesken den Gedanken offenbar ausgesprochen, denn Wilhelmsen hatte gemeint: „So ähnlich steht es in Bruder Cadfael und ein Leichnam zu viel als Hugh Beringer den Leichnam, der eben nicht zu den Hingerichteten gehört und in Beringers Alter ist, sieht.“ Gesken hatte ihm dankbar zugenickt und gelächelt.

Und als Gesken sich diesmal, immer noch im Türrahmen stehend, im Zimmer umsah, nahm sie endlich die Einzelheiten und das Gesamtbild genau wahr. Sie sah und roch, dass sich Sibylle Leuchteblau erbrochen hatte. Und die Haut war rosig verfärbt, was wie der Geruch nach Bittermandel ein deutlicheer Hinweis auf eine Cyanidvergiftung war. Sie sah das große Punktschriftbuch auf dem Bett, die leere Flasche und das noch fast volle Glas auf dem Nachttisch, rote Hausschuhe, wahrscheinlich in Größe 45 und den Hund, der am Fußende des Bettes auf einer Decke lag. Offensichtlich hatte noch niemand den schokobraunen Labradormix mit dem runden, weißen Fleck auf der Stirn wirklich bemerkt. Das Tier lag da, seine Augen waren geschlossen, es gab keinen Laut von sich, zuckte nur manchmal, da nichts, was lebt, absolut unbewegt sein kann. „Auch Hunde können vollkommen resignieren!“, dachte Gesken bei sich.

Du kannst die Entstehung der Erzählung stille Bylle nach Herzenslust kommentieren und Fragen stellen. Wenn Du die Publikation des Textes als Ebook und Taschenbuch unterstützen möchtest, findest Du die Angaben zur Crowdfundingkampagne unter
https://steadyhq.com/de/paulas-netzgeschichten. Herzlichen Dank für Deine Hilfe!

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