Glraube, Gaumenfreuden und Musik – Biografie von Sylvia Lenz

‚nabend zusammen,

bei Startnext gibt es seit heute Nachmittag ein Crowdfunding für ein Biografieprojekt, das Sylvia Lenz gestartet hat. Das Projekt ist derzeit noch in der Startphase. Aber einen ersten Eindruck könnt Ihr unter dem link

https://www.startnext.com/glaube-gaumenfreuden-und-musik schon gewinnen, und Fan werden, Anregungen geben und das Projekt teilen geht jetzt schon. Wer erlebte Geschichten interessant findet, etwas über blinde Menschen und ihr Leben wissen möchte, der wird an diesem Projekt und später an dem Buch seine Freude haben.

Mir gefällt der Titel ganz besonders ugt, da er viel Lebensfreude ausstrahlt.

Liebe Grüße

Paula Grimm

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Stille Bylle – Der erzählung sechster Teil

(Und weiter geht’s im Text mit dem, was ich heute am Morgen geschafft habe).Als Gesken die Tür aufstieß, setzte der Westminsterschlag der Standuhr im Speisezimmer ein. Es war genau vier Uhr. Und alle waren gekommen, die Kollegen, die Mitschüler von Bylle, die alte Lehrerin, mit denen sie zum ersten Mal im Sommer des Jahres 1978 hierher gekommen waren und die sehenden Begleiter. Bläss hatte Gesken nicht mitgebracht. Die Hündin war bei Bente junior, der siebenjährigen Enkelin von Frau Piepenbrink. Gesken wollte einfach nicht, dass die treue Seele, die langsam damit begann sich etwas von dem Verlust ihrer Besitzerin zu erholen, über mehrere Stunden mit Leuten wie dem dicken Prinzen, die sie nicht leiden konnten, zusammen sein musste. Und das Kind und die Hündin kannten einander doch recht gut.

Während Gesken den Gang zwischen den beiden Tischreihen entlang ging, befiel sie das Gefühl unfähig zu sein wie immer, wenn sie vor einer größeren Gruppe sprechen sollte. Um diesem Gefühl und der Unsicherheit, die daraus folgen musste, etwas entgegenzusetzen, konzentrierte sie sich auf die Stimmung, die im Speiseraum herrschte. Nicht nur, dass niemand zu bemerken schien, wie viel Unbehagen sie empfand, und dass Unsicherheit in ihr aufkeimen wollte. Mehr noch, alle Anwesenden vermittelten ihr den Eindruck, dass sie unverschämt selbstsicher und gekonnt auftreten würde. So schnappte sie den Blick von Frau Baumanns auf, die die Begleiterin der alten Lehrerin Frau Karoline Gerhard war, auf, der empört fragte: „Wie kann man bei so was so ruhig und selbstbewusst daher kommen?“

Frau Piepenbrink hatte ein Stehpult für Gesken hingestellt, wie sie es sich gewünscht hatte. Und endlich erreichte sie das Pult, legte den Ordner mit den Aufzeichnungen von und über Sibylle Leuchteblau auf der oberen Platte ab, hielt einen Augenblick inne, um einen Moment lang die Erleichterung zu genießen und wirken zu lassen, dass sie sich der Situation im wahrsten Wortsinn stellen konnte. Und auch die Stereoanlage stand bereit, damit Gesken ab und zu eine Pause machen konnte, in der Musik von Sibylle Leuchteblau alias Euterpe Leonberger erklingen konnte.

Der dicke Prinz saß Gesken am Nächsten, er schaukelte auf seinem Stuhl hin und her, hatte eine Tasse Kaffee und ein Stück Pflaumenkuchen vor sich stehen und ihm dauerte die Zeit, die Gesken brauchte, um sich zu sammeln zu lange. Also maulte er: „Warum fangen Sie nicht endlich an? War wohl überhaupt nicht interessant und ergiebig, was Sie da gefunden haben? Geben Sie es doch endlich zu. Dann erzählen wir Ihnen eben, was so Sache war. Und der Drops ist bald gelutscht!“ Obwohl Gesken ursprünglich überhaupt nicht vorgehabt hatte, irgendeine Erklärung zur Einleitung abzugeben, entschied sie sich spontan dazu direkt auf die Worte von Herrn von Hohlberg zu reagieren.

„Moin, zusammen! Herr von Hohlberg ich muss Sie enttäuschen. Dass ich die Musik von Euterpe Leonberger alias Sibylle Leuchteblau gehört und ihre persönliche Bilanz gelesen und bearbeitet habe, war für mich persönlich und allgemein noch viel interessanter und aufschlussreicher, als ich zu hoffen gewagt hatte. Und ich befürchte, Sie werden alle überrascht sein von dem, was Sie über Bylle erfahren.“ Gesken sah nacheinander alle Personen im Speiseraum an. Sie sah viele enttäuschte Gesichter. Nur Ramona Fuchs, Jan Wilhelmsen und Bente Piepenbrink lächelten. Und das Lächeln machte ihr Mut. Und sie schaffte es nicht wieder den dicken Prinzen anzusehen, der selbstgefällig schaukelnd auf seinem Platz saß und dabei platzgreifend, wichtigtuerisch und aufdringlich war. Und als Gesken auf die schwarzen Buchstaben auf dem Titelblatt, das sie für das Dokument erstellt hatte, blickte, stellte sich augenblicklich das gute Gefühl, die Seelenverwandtschaft zwischen Bylle und ihr wieder ein. Und dieses gute Gefühl, das Gesken während der gesamten Zeit, als sie in ihrem Hotelzimmer die Musik von Euterpe Leonberger gehört und die aktuelle Bilanz von Sibylle Leuchteblau gelesen und bearbeitet hatte, hatte sie in der vergangenen Nacht am Vormittag und am Nachmittag nicht verlassen. Und wenn es ihr nur gelang vollkommen bei sich und dem, was sie tat zu bleiben, wäre es ihr möglich diese Seelenverwandtschaft den ganzen Nachmittag zu spüren und die Kraft zu bekommen, die sie brauchte, um sich vor all diesen Menschen mit all ihren Erwartungen zu behaupten. Sie schaffte es. Und daher merkte sie gar nicht, wie alle, die im Speiseraum des Viermasters zusammengekommen waren, in den Bann von Sibylle Leuchteblaus Leben und die Erzählung von Euterpe Leonberger gezogen wurden. Wie angemessen Gesken gehandelt hatte, indem sie die Musik von Euterpe Leonberger hörend die persönliche Bilanz über Sibylle Leuchteblau abgeschrieben, in eine neue Form gebracht und zu guter Letzt die Gedanken über Euterpe Leonberger vorangestellt hatte, um alles ruhig am Pult stehend vorzutragen, begriff Gesken erst, als sie genau einen Tag später mit Jan Wilhelmsen bei Kaffee und Streuselkuchen mit frischen Pflaumen von Frau Piepenbrink noch einmal über den Fall und Bylles Leben und Werk sprach.

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Stille Bylle fünfter Morgen des Textlandes bearbeitet!

(Trotz des großen Kummers, der mich bezogen auf das Buch Orca plagt, geht es sehr gut weiter im Text.)Dr. Jan Wilhelmsen stand mit einer Ledermappe unter dem linken Arm bei seinem roten Kombi und ließ den Eingang des Hotels nicht aus den Augen. Als er sah, dass Gesken und Bläss heraus kamen, ging er auf Geskens Auto zu und wartete geduldig am Heck des Wagens auf sie.
„Warum bist Du noch hier?“, fragte sie. Wilhelmsen hielt ihr die Ledermappe hin und sagte: „Ich hab auf Dich gewartet. Ich hab was für Dich, was Dir sehr helfen wird, Sibylle Leuchteblau alias Euterpe Leonberger höchst persönlich kennenzulernen. In dem Etui sind alle Aufnahmen, die Euterpe Leonberger jemals als Jazzpianistin und Flötistin jemals gemacht hat. Ich habe die Sticks nummeriert, sodass Du ihr musikalisches Schaffen vom Anfang bis zum Ende verfolgen kannst.“
„Ich verstehe nichts von Musik!“ Er lächelte. „Du hast gute Ohren, Herz und Verstand, bist aufgeschlossen. Das ist mehr als genug, um etwas von diesen Sachen zu haben!“ Und Wilhelmsen hörte nicht auf zu lächeln.

Dr. Jan Wilhelmsen war ein Musikfan und -kenner. Das wusste jeder, der ihn kannte. Und Gesken fühlte sich geehrt, dass er ihr einen Teil seiner Musiksammlung anvertraute, auch wenn es nur für wenige Stunden war. „Bist Du ein Fan?“ er nickte. „Hast Du jemals mit ihr persönlich gesprochen?“, er nickte abermals. „Sie kam jedes Jahr in unseren Jazzclub. Denn bei uns hatte sie ihre ersten Erfolge. Ihr Auftritt bei uns war immer am dritten Samstag im August. Und ich wusste, dass sie diesmal ihren Auftritt auf den dritten Samstag im September verschoben hatte, weil sie in der nächsten Woche eine Polypenop vornehmen lassen musste. Das ist, wie es häufig vorkommt, die Folge einer Nebenhöhlenentzündung.“

Es war überflüssig Jan Wilhelmsen zu fragen, warum er von alledem im Hotelzimmer nichts gesagt hatte. Es war unnötig gewesen darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Und es wäre peinlich gewesen, wie Wilhelmsens Freude an Musik und freundliche Gespräche in einem Jazzclub Wissmanns Phantasie in Gang gesetzt hätte bis daraus wohl ein heißes Liebesverhältnis geworden wäre, das Wilhelmsen angeblich befangen gemacht hätte. „Und ich werde vorsichtshalber die Ergebnisse meiner Untersuchungen von einem Kollegen gegenprüfen lassen!“, sagte Jan Wilhelmsen schließlich und zwinkerte Gesken zu.

Gesken bedankte sich für die Sticks und bat den Pathologen: „Kannst Du bitte auch um vier Uhr hier sein!“ ER nickte, nachdem er kurz auf seine Armbanduhr gesehen hatte. „Bis dahin werde ich wohl schon die wichtigsten Ergebnisse haben! Ich sag dann mal viel erfolg und bis nachher!“ Dann wandte er sich winkend ab, stieg in seinen Kombi und fuhr zum gerichtsmedizinischen Institut. Bläss sah dem Mann, der genauso groß war Gesken und ihre verstorbene Besitzerin wehmütig nach. Gesken beugte sich zu ihr herunter, kraulte sie im Nacken und an den Ohren und sagte beruhigend: „Ach, ja, Du kennst ihn auch. der kommt wieder. Und er hilft uns ganz bestimmt.“
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DEr vierte Morgen des Textlandes stille Bylle ist bearbeitet!

(Und hier geht’s endlich weiter im Text der Erzählung stille Bylle.)Die Wohnungstür wurde sofort geöffnet. Und Gesken stand einer großen, alten Frau mit vollem, weißem Haar gegenüber, das sie zu einem Bauernzopf geflochten trug.
„Moin, Gesken Paulsen, Kriminalpolizei!“
„Moin, Bente Piepenbrink!“
Und einen langen Augenblick sahen sich die beiden Frauen in die blauen Augen und stellten dabei fest, dass die jeweils andere keineswegs blauäugig war, dass sie aus dem selben Holz geschnitzt waren und miteinander sehr gut auskommen würden, was auch geschehen sollte.

Frau Piepenbrink zeigte schließlich auf die Tür zu ihrer Privatküche. „Einen Friesengeist?“ „Wenn die Arbeit getan ist, gern!“ Und beide lächelten sich an.

Damit Bente Piepenbrink gar nicht erst damit anfing, sich Sorgen um ihre zeugenschaftliche Einvernahme zu machen, sagte Gesken: „Der Kollege Winkler macht die zeugenschaftlichen Einvernahmen. Und es wäre gut, wenn Sie ihm dafür ein Büro oder Zimmer zur Verfügung stellen könnten.“ „Er kann unser Büro haben dafür!“, sagte die sehr tiefe Stimme der Hotelbesitzerin. „Und ich brauche ein Zimmer, viel Kaffee, ordentlich was zu beißen und was für die Bläss!“ Diesmal nickte Frau Piepenbrink nur.

Die beiden Frauen und Bläss gingen zur Rezeption. Frau Piepenbrink legte Gesken eine Anmeldung auf den Tresen und gab ihr einen Schlüssel. „Die 212 ist noch frei. Das ist direkt über dem Zimmer, in dem die Bylle, ähm, die Frau Leuchteblau gewohnt hat. Die Frau Leuchteblau und die Frau Fuchs kamen seit vielen Jahren zweimal im Jahr zu uns. Aber zu diesem Treffen wollte sie eigentlich nicht kommen. Sie wollte nächsten Dienstag ins Krankenhaus gehen, um sich die Polypen herausnehmen zu lassen. „Es tut mir leid, Bente, dass ich Deine gute Küche nicht richtig genießen kann, weil ich nicht riechen kann!“, hat sie gesagt, als sie gestern Nachmittag da stand, wo sie jetzt stehen.“ „Wer wusste darüber Bescheid, dass sie dieses Problem hatte?“ „Alle wussten das. Diese Albertine Kohlmeier, die das Treffen organisiert hat, hat das überall ‚rumposaunt, warum die Frau Leuchteblau nicht kommen wollte, wie unmöglich sie das findet, und wie sie sie überzeugt hat, doch zu kommen.“

Gesken unterschrieb das Anmeldeformular und steckte den Zimmerschlüssel in ihre Hosentasche. Bente Piepenbrink beugte sich vor und machte eine Handbewegung in Geskens Richtung. Und die Polizeibeamtin, die schon hatte gehen wollen, hielt inne. „Ich hätte besser aufpassen sollen, als die Kohlmeiers, das Ehepaar von Hohlberg und die Bylle im kleinen Salon Amaretto getrunken haben. Das Fest sollte ja erst heute Abend stattfinden. Im Moment führe ich das Hotel ja allein. Mein Mann ist im Mai ja plötzlich verstorben. Und mein Sohn und meine Schwiegertochter wollen erst Anfang nächsten Jahres übernehmen.“ „Wann machen Sie ganz zu?“ „Am 01. September!“ „Wer hat den Amaretto bestellt und bezahlt.“ „Bestellt hat Albertine Kohlmeier. Und die drei Flaschen stehen auf der Rechnung von der Bylle.“ „So was habe ich mir gedacht. So sind die Rollen klar verteilt in einer Schicksalsgemeinschaft!“, dachte Gesken. Es war alles gesagt. Aber es war noch nicht alles getan. Und Gesken schenkte Frau Piepenbrink einen langen, tröstenden Blick, um Schuldgefühlen und Selbstzweifeln, die der Frau gekommen waren, oder die noch in einem seelischen Hinterhalt lauerten, etwas entgegenzusetzen, und um ihrem Beileid bezogen auf Frau Piepenbrinks persönlichen Verlust Ausdruck zu geben. Dann wandte sie sich mit einem kurzen Gruß ab und ging mit Bläss, die nicht von ihrer Seite wich, aus dem Hotel, um ein paar Sachen aus ihrem Auto zu holen.

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Stille Bylle – Dritter Morgen Textland urbar gemacht!

(Und wieder so einer von denen, die morgens bearbeitet und erst abends eingestellt werden)Ramona Fuchs war eine kleine Frau, eine graue Maus mit aschblondem Haar, farblosen Augen und blasser Hautfarbe. Gesken hatte den Eindruck als spürte die Frau mehr, dass die Tür zugemacht worden war, als dass sie es gehört hatte. Ramona Fuchs wischte sich die Augen und atmete mehrfach tief ein und aus, um sich zu sammeln, und damit sich die Erleichterung, die sie darüber empfand mit Gesken allein sprechen zu können, in ihr möglichst gut verbreiten konnte. Gesken kam auf sie zu und nahm ihre kleine, weiche Hand im ihre große, raue und hielt sie fest, aber so, dass Ramona Fuchs ihre Hand jeder Zeit ganz einfach hätte wegnehmen können.

„Frau Fuchs, wie Sie gehört haben, bin ich Gesken Paulsen und ermittle im Todesfall Ihrer Freundin. Sie können mir jetzt alles sagen, was Sie wissen, und was Sie mir sagen wollen!“ „Viel sagen will ich nicht, ähm, kann ich nicht. Da bin ich nicht gut drin. Aber ich hab was für Sie, was Ihnen hilft, die Bylle selbst kennenzulernen. Die Bylle zog einmal im Jahr persönliche Bilanz, wie sie das nannte, immer am Tag unserer Einschulung, am 08. August. Und das hat sie mir immer gegeben, auf einem USB-Stick.“ „Die Bylle hatte also die Angewohnheit einmal im Jahr aufzuschreiben was sie erlebt hat?“ „Sie hat jedes Mal erst das bearbeitet, was schon da war und dann, wenn sie es für nötig hielt, was dazu gefügt.“

Gesken war verblüfft. So etwas machte sie auch. Aber sie legte immer am 02. Januar ihre jährliche Rechenschaft ab. Am 02. Januar 1969 war sie zu ihren Adoptiveltern Emma und Hein Paulsen auf den Hof gekommen und hatte am 02 Januar 1984, etwas mehr als eine Woche nach ihrem 18. Geburtstag entschieden diesen Tag als ihren Zweitgeburtstag und Rechenschaftstag zu begehen.

Ramona Fuchs räusperte sich. „Auf dem Stick sind auch Bylles Testament und die anderen Verfügungen und die Liste der Leute, an die Sie sich wenden können!“ Ramona Fuchs machte ihre Hand los und ging zum Nachtschränkchen. Sie zog die oberste Schublade auf, nahm den USB-Stick, den Gesken mit einem kurzen Dank entgegen nahm. „Und vergessen Sie bitte nicht, sich an Bylles Krankenkasse zu wenden und zu klären, was mit der Bläss passieren soll.“ „Aber selbstverständlich doch! Ich werde dafür sorgen, dass die Bläss einen schönen, vorgezogenen Ruhestand erleben darf!“, erwiderte Gesken lächelnd.

Als Gesken aus dem Zimmer getreten war, blieb sie einen Augenblick im Flur stehen, um sich zu sammeln. „Und – ist die Ramona einmal in ihrem Leben wirklich mal wichtig gewesen?“, stichelte der dicke Prinz. Darauf reagierte Gesken nicht. Sie holte tief Luft und sagte: „Dass jeder seine Aussage machen muss, habe ich Ihnen ja schon gesagt. Aber es spricht nichts dagegen, nicht dem Wunsch des Herrn von Hohlberg zu entsprechen, mit dem Sie wohl alle einverstanden sind. Schließlich hat ihm niemand widersprochen. Wir treffen uns um vier im Speisezimmer des Hotels. Und dann lassen wir Sibylle Leuchteblau selbst ausführlich zu Wort kommen. Denn von ihr selbst werden wir wohl am ehesten erfahren, ob ihr Todesfall ein Selbstmord war oder nicht. Und wenn es dann noch was zu reden gibt, reden wir.“

Der dicke Prinz und alle anderen, die in den Türrahmen ihrer Zimmer standen, hatten plötzlich eine Ahnung, dass das, was Gesken gesagt hatte eine Finte sein könnte. Aber sie bekamen den losen, dünnen Faden, der ihr Verdacht war, nicht zu fassen. Das ließ Gesken nicht zu. Sie drehte sich noch einmal zum Flur um und erklärte: „Das wir uns ganz klar verstehen. Jeder kann kommen. Aber niemand muss dabei sein!“

Und dann ging Gesken mit ruhigen Schritten auf Bläss zu. Und dabei geschah etwas, was ihre Kollegen schon häufiger erlebt hatten, was sie nicht verstehen konnten, was so unglaublich war, dass sie es bestaunten wie ein Wunder. Sie hatten miterlebt wie Gesken mit Kindern umging und dabei wie ein Kind gewesen war. Sie hatten miterlebt, wie sie sich mit alten Menschen unterhalten hatte und wie sie dabei genauso alt gewesen zu sein schien wie die alten Leute. Und jetzt ging sie auf Bläss zu, und obwohl sie auf ihren beiden Beinen nach Menschenart aufrecht ging und mit ihrer menschlichen Stimme sprach und doch wie ein Arbeitshund war, der sich einem anderen Arbeitshund widmete.

2Bläss, Bläss, steh auf!“, sagte sie ruhig. Und so langsam wie Bläss aufstand, bewegte Gesken ihre Hand auf sie zu, damit die Hündin sie beschnuppern konnte.

„Komm mit, Bläss!“, sagte Gesken drehte sich um, um mit dem Hund das Zimmer zu verlassen. Und Bläss ging mit. Sie ging zögernd neben Gesken her. Ihre Ohren ließ sie traurig hängen. Aber sie ging mit der neuen, großen Frau aus dem Zimmer, ein Stück den Flur entlang ins Treppenhaus, die Treppe herunter und bis zur Tür der Wohnung der Gastleute, an der Gesken klingelte.
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Führhundgespanne: Als Team auf allen wegen anerkannt

Liebe Leserinnen und Leser,

heute stelle ich in mein Blog einen Artikel ein, in dem ich schon vor längerer Zeit Grundwissen zum Thema Führhunde zusammengestellt habe. Das ist so ein Thema, das mich als Hundefreundin und in meiner Situation immer wieder mal beschäftigt. Und wer weiß, vielleicht komme ich doch irgendwann einmal auf den Hund, weil die Katze ja das Mausen nicht lassen. Schließlich bin ich ja auch mit Hunden und anderen Tieren aufgewachsen und zwar mit Schafen und Hütehunden etc. Und so ist es auch bei gesken und Bylle, die beide von Bauernhöfen kommen.

Sie waren die ersten Assistenzhunde, die Blindenführhunde. Inzwischen gibt es viele Behindertenbegleithunde. Einerseits ist es schon so, dass sie immer da sind und Dinge tun, die im Grunde Menschen für Menschen tun sollten. Und doch ist es andererseits besonders gut, dass sie so sind, wie sie sind und tun, was sie tun, nämlich treue Hunde sein.

Führhundgespanne – Als Team erfolgreich unterwegs

Da Hunde lernfähig und kommunikativ sind, werden sie immer häufiger als Assistenzhunde für Menschen mit verschiedenen Behinderungen oder chronischen Erkrankungen ausgebildet, Singnalhunde für Gehörlose, Epileptiker, Diabetiker etc.

Eine der ältesten Ausbildungen zum Assistenz- oder Partnerhund ist die Ausbildung von Blindenführhunden. Die Idee stammt u. a. von Jean Bongartz aus dem Jahr 1892. Der Tiermaler gründete den Verein für Sanitätshunde. Doch erst Ende des ersten Weltkrieges und im Verlauf der 20er Jahre nahm die Idee Blindenführhunde auszubilden gestalt an. Die Entwicklung der Ausbildung wurde zunächst stark von engagierten Privatleuten ermöglicht. Doch am Anfang der Kulturgeschichte der Partnerschaft zwischen blinden Menschen und ihren Führhunden stand oft der Drill, unter dem die Hunde litten.  Informationen dazu gibt es z. B. in dem Buch, das Ihr unter

https://www.amazon.de/Blindenführhunde-Kulturgeschichte-Partnerschaft-Detlef-Berentzen/dp/3943999912/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1523351721&sr=8-1&keywords=Blindenführhunde,+Buch&dpID=51goL7DSc6L&preST=_SY264_BO1,204,203,200_QL40_&dpSrc=srch finden könnt. Und traurigerweise gibt es auch derzeit immer wieder Beispiele von Ausbildern und Hundebesitzern, die die Hunde nicht artgerecht und mit der gebotenen freundlichen Bestimmtheit im alltäglichen Umgang behandeln.

Gegenwärtig durchlaufen Blindenführhunde eine etwa einjährige Ausbildung, die in verschiedenen professionellen Führhundschulen durchgeführt wird. Etwa 3000 blinde und Hochgradig sehbehinderte Menschen leben zurzeit mit einem Führhund zusammen, der ihnen als Hilfsmittel zur Orientierung in vertrauter aber auch in fremder Umgebung dient. Die Arbeitsgemeinschaft zwischen Mensch und Hund wird als Führhundgespann bezeichnet. Ein Führhundgespann ist im Straßenverkehr leicht an dem weißen Führhundgeschirr zu erkennen, das der Hund bei seiner Arbeit immer trägt. Das weiße Geschirr ist ein offizielles Zeichen, das Verkehrsteilnehmer zu besonderer Rücksichtnahme verpflichtet. Eine der wichtigsten Botschaften des Geschirrs lautet: „Bitte nicht von der Arbeit ablenken!“

Besonders häufig begegnet man Labradoren, Retrievern, Schäferhunden und Mischlingshunden aus den genannten Rassen im Führhundgeschirr. Hinter dieser Auswahl der Hunde verbirgt sich allerdings kein Rassismus. Obwohl diese Rassen bevorzugt zu Führhunden ausgebildet werden, da sie sich in Bezug auf ihre Lernfähigkeit und andere Charaktereigenschaften als besonders geeignet erwiesen haben, ist es vor allem ihre Größe, die bei der Auswahl eine Rolle spielt. Führhunde sollten eine Schulterhöhe von 50 bis 60 Zentimeter aufweisen. Blinde und sehbehinderte Allergiker, die gern einen Hund als Begleiter möchten, können aufatmen. Denn inzwischen gibt es mehrere Führhundschulen in der Bundesrepublik, die auch Erfahrung mit der Ausbildung von Königs- bzw Großpudeln haben. Diese haben als Fell bekanntlich nicht das typische Hundehaar, gegen das viele Menschen allergisch sind sondern Wolle. Für Allergiker sind auch Hunde geeignet, die der neuen Rasse der Labradudel angehören.

Welpen, die später zu Führhunden ausgebildet werden sollen, werden im Alter von acht Wochen zum ersten Mal gründlich vom Tierarzt untersucht. Bei diesem Gesundheitscheck liegt ein besonderes Augenmerk auf der Kontrolle der Funktionsfähigkeit der Sinne. Im ersten Lebensjahr werden die Hunde in sog. Patenstellen oder Patenfamilien versorgt und erzogen. Die Hundepaten werden von Mitarbeitern der Führhundschule, die den Hund später ausbilden wird, beraten und betreut. Inzwischen gibt es jedoch auch Führhundschulen, die auch blinden Menschen mit Rat und tat zur Seite stehen, wenn sie den Welpen, der später ihr Führhund werden soll, selbst aufziehen möchten. In der Welpenzeit kommt es darauf an, dass der Hund viele verschiedene Erfahrungen mit Menschen, anderen Tieren und Alltagssituationen sammelt. In der Patenstelle lernen die Welpen auch die Grundlagen des sozialverträglichen Verhaltens, z. B. auf Anweisung an einer angezeigten Stelle zu warten.

Im Alter von etwa einem Jahr beginnt die eigentliche Ausbildung der Hunde. In zehn bis zwölf Monaten lernen sie eine Person um Bodenhindernisse wie Pfützen, um Höhenhindernisse wie Schilder oder Äste herumzuführen. Sie lernen an Bordsteinen stehen zu bleiben, souverän an Fußgängern oder anderen Hunden vorbeizugehen. In ihrer Ausbildung werden die Hunde mit bestimmten akustischen Befehlen vertraut gemacht. Dazu gehört, dass sie bestimmte Geländepunkte, z. B. „Such Eingang!“ zu befolgen lernen. Die akustischen Befehle werden in der Fachsprache Hörzeichen genannt. Ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung ist der sog. Intelligente Ungehorsam. Dabei lernt der Hund die direkte Befolgung von Hörzeichen zu verweigern, wenn Gefahren drohen. So wird der Hund eine Straße, die er überqueren soll, nicht passieren, wenn ein Auto kommt.

Nachdem der Führhund seine Ausbildung gemacht hat, folgt die Eingewöhnungsphase an seinen blinden oder sehbehinderten Halter. Diese dauert zwischen zwei und vier Wochen. Unter der Obhut des Ausbilders werden Mensch und Hund miteinander vertraut gemacht. Kurz nach dieser Gewöhnungs- und Lernphase folgt die sog. Gespannprüfung, bei der ein Gutachter feststellt, ob Mensch und Tier gut miteinander zusammenarbeiten und harmonieren. Erst, wenn die Gespannprüfung erfolgreich bestanden wurde, gehören der blinde Mensch und sein Hund als anerkanntes Führhundgespann zusammen.

Es wurde behauptet, dass Führhunde ihren Dienst am Menschen mit Lebenszeit bezahlen, dass die Hunde nicht so alt werden wie ihre Artgenossen. Aber diese Auffassung ist inzwischen widerlegt. So hat sich gezeigt, dass blinde und sehbehinderte Menschen, die ihren Hunden ein glückliches und gesundes Hundeleben mit artgerechter und vielseitiger Ernährung, viel Zuneigung und ausreichend Bewegung nach Hundebedarf ermöglichen, ihrem Vierbeiner alle Grundlagen für ein langes, glückliches und erfülltes Hundeleben bieten. Da in der Bundesrepublik nicht offiziell geklärt ist, wie und wo Führende, die ihr wohlverdientes Altersgnadenbrot bekommen können, sollten Führhundhalter sich frühzeitig selbst um einen guten Altersruhesitz für ihren langjährigen Gefährten kümmern, wenn sie ihn nicht bei sich behalten können“

Liebe Grüße

Paula Grimm

Stille Bylle – Zweiter Morgen Textland

(Morgens bearbeitet und abens im Blog eingestellt)„Weiß jemand, was mit Blindenführhunden passiert, wenn ihr Besitzer stirbt?“, fragte Gesken. „Die Bläss können Sie gleich mit Ihrer Dienstwaffe abknallen. Die ist schon acht oder neun. Da wird nix mehr draus. Und die ist bestimmt verwöhnt bis über beide Ohren, so vernarrt wie die Bylle in die Köter war!“ Die Stimme des Mannes, die Gesken hinter sich hörte, wäre tief und angenehm gewesen, wenn der Mann nicht so undeutlich gesprochen hätte, die Pausen, die er zwischen den Worten machte, nicht so unnatürlich gesetzt hätte, und wenn er die Lautstärke nicht hätte auf- und abschwellen lassen, sodass es schwer bis unmöglich war, nicht zu beachten, wenn er sprach. Und so spürte Gesken seine Absicht jede Situation zu dominieren und seine Haltung, dass er es überhaupt nicht nötig hatte, ordentlich zu sprechen wie eine kalte Faust im Nacken. Wer etwas von ihm wissen wollte, musste sich gefälligst bemühen ihn zu verstehen. Gesken wandte sich um und ging auf ihn zu.

Der Mann war Anfang 50, sehr korpulent, ungefähr so groß wie Wissmann und trug einen teuren Jogginganzug. Als Gesken ihm gegenüber stand aber keine Anstalten machte, ihm die Hand zu geben, wich er einen Schritt zurück. Doch er redete einfach weiter: „Wenn man mich fragt, aber mich fragt ja wieder mal keiner, hat die Bylle Selbstmord begangen. – In mehr als 50 Jahren nie einen Kerl, der sie ordentlich durchzieht, nirgendwo richtig dazu gehören, zwar jede Menge Bildung und Geld aber immer einsam und eben immer noch das erbärmliche Landei wie eh und je. Da kann man schon auf Selbstmordgedanken kommen. Und die Weiber steigern sich in alles immer so ‚rein!“
„Moin, Gesken Paulsen! Und wer sind Sie?“ „Ich bin Bertram Ferdinand Prinz von Hohlberg, seit 11 Jahren der Leiter der Kanzlei von Hohlberg & Söhne. Ich berate und vertrete Firmen in allen wirtschaftlichen Belangen und im Arbeitsrecht!“ Das sagte er sehr deutlich, machte dann eine Pause und nuschelte schließlich: „Den Stallgeruch von so’nem Bauernhof kriegt man aus den Leuten eben nicht ‚raus!“ „Warum sollte man auch? Wenn wir auf Höfen ermittelt haben, war es oft nützlich, dass ich mich mit den Arbeitsabläufen gut auskannte!“ „Ist jetzt auch egal!“ knurrte er. „Die Sache mit der Bylle können Sie schnell und günstig für den Steuerzahler abschließen. Wir setzen uns alle zwei oder zweieinhalb Stündchen zusammen, und wir erzählen Ihnen, was bei der Bylle Sache war und dann werden Sie schon begreifen, dass es nur ein Selbstmord sein kann. Wir wissen Bescheid. Wir waren zusammen im Internat. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft!“

Es waren die Worte Schicksalsgemeinschaft und Bescheid wissen, die in Geskens Kopf eine leise aber deutlich hörbare Glocke anschlugen. Nicht nur, dass Gesken keine Lust auf Gerede über alte Zeiten und Interpretationen der aktuellen Lebenssituation von Sibylle Leuchteblau hatte. Was dabei bestenfalls herauskommen konnte, war eine wortreiche Allgemeinmeinung über die Verstorbene. Sie könnten die Leute wohl gegeneinander ausspielen, sich durch das Gerede zum Kern des Todesfalles durchwühlen. Aber was konnte bei all der Wichtigtuerei von Sibylle Leuchteblau und ihrer Geschichte übrig bleiben? Und dann nahm ein Plan in Gesken Gestalt an. Sie wollte möglichst viel von Sibylle Leuchteblau selbst wissen. Diese Idee war nicht uneigennützig. Aber Gesken schämte sich überhaupt nicht dafür.

Gesken ging in das Zimmer zurück, in dem Sibylle Leuchteblau lag und verteilte die Arbeit auf die Kollegen. „Sagt mir sofort Bescheid, wenn ein Tagebuch, persönliche Briefe oder sogar ein Abschiedsbrief gefunden wird!“, sagte sie schließlich und wandte sich dann an Dr. Jan Wilhelmsen und sagte: „ich hab da noch ‚ne Kleinigkeit zu tun, dann kümmere ich mich um den Hund. Und wenn ich sie weggebracht habe, könnt ihr die Leiche wegbringen! Müsste nicht auch der Wellmann hier sein?“ Der große alte Mann mit dem vollen weißen Haar und den stahlblauen Augen nickte nur kurz.

Als Gesken aus dem Hotelzimmer trat, wurde sie fast von Wellmann über den Haufen gerannt. Der Fotograf wirkte mit der großen Fototasche, die er bei sich hatte, wie eine kleine Kugel, die von dem Gewicht der Utensilien, die sie mit sich führte, angetrieben wurde.

Gesken ließ den Poliezeifotografen an sich vorbei gehen und trat auf den Flur. „Meine Herrschaften, ich muss Sie bitten sich nicht aus Herrmannssiel zu entfernen, bis der Kollege Winkler sie einzeln einvernommen haben wird. Um es für Sie so bequem wie möglich zu machen, werden Sie im Verlauf des Vormittags im Büro des Hotels Ihre Aussagen machen können. Aber Sie können uns jetzt schon helfen. Wissen Sie, ob es von Frau Leuchteblau persönliche Aufzeichnungen gibt, und wo wir sie finden können, oder wer uns Auskunft darüber geben kann, ob es zum Beispiel ein Tagebuch gibt?“ Beredtes Schweigen war die Antwort. Und aus der Stille wuchs trotziger Widerwille, der von allen Seiten auf Gesken zukam.

Aber dann war eine leise Stimme zu hören. „F-F-FRau P-P-PAulsen! I-ich b-bin r-Ramona F-Fuchs. I-i-ich k-k-kann I-Ihnen helfen!“ Auch die Zimmertür von Frau Fuchs stand offen. Aber die kleine Frau hatte sich tief in den hinteren Teil des Raumes zurückgezogen. Gesken betrat das Zimmer und machte die Tür schnell hinter sich zu. Dabei achtete sie darauf, dass es ein sehr deutliches Geräusch war. Damit wurden ihre Kollegen und die Klassenkameraden von Frau Fuchs von dem ausgeschlossen, was Frau Fuchs Gesken zu sagen hatte.

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Stille Bylle – Der erste Morgen Textland ist beackert! :)

(die Beiträge mit den Teilen der Erzählung stille Bylle enthalten immer so viel Text, wie ich an einem Morgen schaffe. Obwohl der Morgen in der Landwirtschaft inzwischen eine feste Maßeinheit ist, schafften die Bauern zumindest früher nicht immer gleich viel. und so wird es auch mit dem textland sein.)

„Wer dem Tod eines Altersgenossen begegnet, begegnet immer auch seinem eigenen Tod!“, dachte Gesken Paulsen. Sie wandte den Kopf langsam nach links und von der Toten ab. Doch der Gedanke, der ihr über den Tot in den Sinn gekommen war, änderte durch die Bewegung seine Richtung nicht und führte sie nicht an den Punkt, wo die Quelle, von der dieser Gedanke über den Tot stammte, gespeichert war. Gesken registrierte, dass ihr Gedächtnis sie ausnahmsweise im Stich ließ. Aber anstatt sich darüber zu ärgern, schloss sie kurz die Augen, um sich zu sammeln, öffnete sie dann wieder und betrachtete das Zimmer, in dem die Tote gefunden worden war.

„Eine verdächtig ruhige Szene, eine verdammt ruhige Szene!“, dachte Gesken. Aber irgendetwas verhinderte, dass sie diese „verdammt ruhige Szene“ genau erfassen konnte.

Dass die Tote genauso alt war wie Gesken Paulsen und einige andere Fakten hatte ihr Heiko Wissmann mitgeteilt, noch bevor sie in den ersten Stock der Pension gegangen war, um die Tote zu sehen. Als Gesken den Eingangsbereich des Viermasters betreten hatte, hatte sie Wissmann beobachtet, wie er wie ein Gockel auf und abstolzierte, um derjenige zu sein, der der Chefin die bereits bekannten Fakten präsentierte. Obwohl er begierig seine Informationen an sie loswerden wollte und auf sie wartete, hatte er sie zunächst nicht bemerkt. „Moin, Wissmann!“, hatte sie gesagt. Er stolzierte auf sie zu, plusterte sich noch mehr auf und sah seiner Chefin mit herablassendem Blick an, obwohl er zu ihr aufsehen musste. Denn er war fast 20 Zentimeter kleiner als sie. „Welche Fakten sind schon bekannt?“ Wissmann ärgerte sich, weil er wusste, dass sie bei jedem anderen Kollegen, „Was wissen wir schon?“, gefragt hätte. Doch er schaffte es großspurig da zu stehen und Zu verkünden: „Weibliche Leiche, 51 Jahre alt, ist mit einer Blindengruppe hier, die an diesem Wochenende hier ihren 45jährigen Einschulungstag feiern wollten. Die sind wohl hier, weil sie hier auch mal im Schullandheim gewesen sind. Sie ist Musikerin und Musikprofessorin in Düsseldorf, schreibt und übersetzt auch und das alles inzwischen sehr erfolgreich. Ihr Name ist, ähm, Sibylle, ähm, Sibylle, ach ja, Sibylle Leuchteblau, arbeitet aber unter einem Pseudonym. Das hab ich vergessen ist aber nicht wirklich wichtig! Sie wurde vermutlich vergiftet, vielleicht auch Selbstmord, wahrscheinlich Zyankali. Sie wurde tot in ihrem Zimmer gefunden!“

„Wie sind die Leute auf den Todesfall aufmerksam geworden?“

„Die hatte einen Köter, so ein Vieh, das sie geführt hat. Der hat irgendwie gepeilt, dass was nicht stimmt, hat gebellt, die Zimmertür aufgemacht, ist zu den Wirtsleuten gerannt, die noch beim Aufräumen waren. Und die haben sie dann gefunden.“

Als sie den Flur im ersten Stock betreten hatte, war Gesken sofort die ruhige und gefasste Stimmung aufgefallen, di von überall her auf sie zugekommen war. „Gute Arbeit, Winkler!“, hatte sie gedacht. „Moin, zusammen!“, hatte sie mit ihrer tiefen leicht rauen Stimme laut und deutlich gegrüßt, dass auch die Gäste, deren Zimmertüren alle offen gestanden hatten, sie hatten hören können Sollten sie doch neugierig sein, wie sie wollten. Solange ihr niemand im Weg war oder ihr die Ohren voll quatschte, war alles gut.

„Warum sind Sie eigentlich so spät gekommen, Chefin?“, hatte Wissmann gefragt. Das Wort Chefin hatte er ihr förmlich vor die Füße gespuckt. Er war wütend auf sich selbst gewesen, da ihm der Tonfall, der eine eindeutigzweideutige Anspielung in die Frage gelegt hätte, nicht gelungen war. „Meine ältere Tochter hatte nach mehr einem Jahr einen ihrer plötzlichen Anfälle von Muttersehnsucht. Da musste ich doch hin!“ Gesken hatte dann heftig den Kopf geschüttelt und damit die Gedanken an den Nobelfraß, die teuren Weine, das gezierte Imponiergebell der Mutter ihres Schwiegersohns und den lamorianten Fastmonolog ihrer Tochter Rikarda, den sie sich hatte nach dem Essen anhören müssen, abzuschütteln. Dann hatte sie Sibylle Leuchteblau sorgfältig und ruhig betrachtet und festgestellt, dass sie nicht nur im selben Alter gewesen war, sondern auch genauso groß gewesen war wie Gesken selbst. „Bohnenstange, Storch im Salat, Kleiderständer, um nur die netteren Sachen zu sagen!“, hatte Gesken mit leicht bitterem Unterton in der Stimme gemurmelt.

„Schön, dass Sie solidarisch sind! Aber, was denken Sie über den Todesfall? Finden Sie nicht auch, dass das auch ein Selbstmord sein könnte?“ „Nein, das finde ich ganz und gar nicht. Das sieht aus als ob es sich eine Frau mit einem Schlumertrunk und einem Buch zum Abschluss eines Tages im Bett gemütlich machen wollte!“ „Dafür spricht auch, dass wir im Bad ihre Glasaugen in der Reinigungsflüssigkeit gefunden haben!“, hatte Richards eingewendet. Er war erst seit zwei Monaten bei der Mordkommission. Und noch bevor Wissmann, gekränkt darüber, dass ein noch jüngerer Beamter als er selbst einer war, überhaupt etwas gesagt hatte, hatte der Gerichtsmediziner und enge Vertraute von Gesken, Dr. Jan Wilhelmsen, hinzugefügt: „Die Auffindesituation lässt einen Selbstmord sehr, sehr unwahrscheinlich erscheinen. – Nur ein größerer Schluck war nötig, um sie zu töten. Die Dosis muss also ziemlich hoch gewesen sein. Sie hatte einen längeren Todeskampf, hat sich übergeben müssen. Also war das Kaliumcyanid nicht mit einer Säurelösung versetzt, wie man es bei einem Selbstmord typischerweise macht, um den Todeskampf zu verkürzen. – Wie dem auch sei! Die Autopsie wird genaue Einzelheiten ergeben.“ „Und die Befassung mit dem Leben des Opfers auch!“, hatte Gesken gesagt. Und dann war ihr noch einmal der Gedanke in den Sinn gekommen: „Wer dem Tot eines Altersgenossen begegnet, begegnet immer auch seinem eigenen Tod!“ Diesmal hatte Gesken den Gedanken offenbar ausgesprochen, denn Wilhelmsen hatte gemeint: „So ähnlich steht es in Bruder Cadfael und ein Leichnam zu viel als Hugh Beringer den Leichnam, der eben nicht zu den Hingerichteten gehört und in Beringers Alter ist, sieht.“ Gesken hatte ihm dankbar zugenickt und gelächelt.

Und als Gesken sich diesmal, immer noch im Türrahmen stehend, im Zimmer umsah, nahm sie endlich die Einzelheiten und das Gesamtbild genau wahr. Sie sah und roch, dass sich Sibylle Leuchteblau erbrochen hatte. Und die Haut war rosig verfärbt, was wie der Geruch nach Bittermandel ein deutlicheer Hinweis auf eine Cyanidvergiftung war. Sie sah das große Punktschriftbuch auf dem Bett, die leere Flasche und das noch fast volle Glas auf dem Nachttisch, rote Hausschuhe, wahrscheinlich in Größe 45 und den Hund, der am Fußende des Bettes auf einer Decke lag. Offensichtlich hatte noch niemand den schokobraunen Labradormix mit dem runden, weißen Fleck auf der Stirn wirklich bemerkt. Das Tier lag da, seine Augen waren geschlossen, es gab keinen Laut von sich, zuckte nur manchmal, da nichts, was lebt, absolut unbewegt sein kann. „Auch Hunde können vollkommen resignieren!“, dachte Gesken bei sich.

Du kannst die Entstehung der Erzählung stille Bylle nach Herzenslust kommentieren und Fragen stellen. Wenn Du die Publikation des Textes als Ebook und Taschenbuch unterstützen möchtest, findest Du die Angaben zur Crowdfundingkampagne unter
https://steadyhq.com/de/paulas-netzgeschichten. Herzlichen Dank für Deine Hilfe!

Paula Proudly presents stille Bylle als erste Geschichte in Paulas Netzgeschichten

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen,

in diesem Artikel möchte ich Euch kurz die erste Geschichte vorstellen, die den Reigen der Netzliteratur und der Crowdfundingkampagne ab morgen eröffnet.

Gesken Paulsen wird zu einem Leichenfund gerufen. Doch bereits beim ersten Anblick der Verstorbenen stellt die Polizistin fest, dass sie mehr mit der Toten, Sibylle Leuchteblau, gemeinsam hat als das selbe Alter. Vor allem die Befassung mit den persönlichen Aufzeichnungen der Toten zeigen der Polizeibeamtin wie ähnlich und doch auch verschieden beide Frauen ihren Lebensweg gegangen sind und sich etwas geschaffen und erschaffen haben, was ihnen niemand zugetraut hat. Und obwohl die Unterschiede im Leben der beiden Frauen zunächst bedeutender erscheinen als die Gemeinsamkeiten, wird die Geschichte der blinden Musikerin und Übersetzerin Sibylle Leuchteblau für Gesken mehr als ein großes Stück Weges auf der Reise zu sich selbst. Als Gesken Paulsen die Menschen aus Bylles Umfeld mit den Selbstzeugnissen der Verstorbenen konfrontiert, bewahrheitet sich nicht nur Geskens Vermutung, dass alle kaum etwas von der Toten wussten. Indem Gesken Bylle selbst zu Wort kommen lässt. Darüber hinaus gelingt es ihr mit Hilfe dieser persönlichen Aufzeichnungen die genauen Umstände des Todesfalls zu klären. Obwohl es um einen Mordfall geht, ist diese Erzählung kein klassischer Krimi.

WEITERE ANGABEN ZUM PROJEKT

Inspiriert wurde die Idee für das Buchprojekt von der Ausschreibung für den Literaturwettbewerb zum Thema Aufstieg durch Bildung, bei dem Erzählungen im Umfang von bis zu 100 Seiten eingereicht werden können. Zur Teilnahme berechtigt sind Geschichten zum genannten Thema, die bis September bei der Noon-Foundation zugesendet werden, und die veröffentlicht sind, oder für die eine Publikation beabsichtigt ist.

Ich würde mich freuen, wenn Ihr mitlest, Fragen stellt, kommentiert und Mitglied des Schwarms würdet. Informationen über die Kampagne gibt es unter

https://steadyhq.com/de/paulas-netzgeschichten.

Liebe Grüße

Paula Grimm

Paulas Geschichtennetz als Kampagne bei Steady gestartet!

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen,

gestern Abend startete bei Steady meine zweite Kampagne. Paulas Geschichtennetz ist die Kampagne, die der Netzliteratur dieses Blogs gewidmet ist, in der Unterstützer bei der Entstehung meiner Bücher nicht nur finanziell helfen können.
Morgen startet die erste Netzerzählung stille Bylle. Die Rohfassung soll am 01. Juni abgeschlossen werden. Aktuelle Informationen über die Kampagne findet Ihr unter
https://steadyhq.com/de/paulas-netzgeschichten.

Ich freue mich darauf, wenn Ihr hier mitlest, fragt und kommentiert. Und ich bin jedem dankbar, der die Netzgeschichten unterstützt.

Liebe Grüße

Paula Grimm